Bye bye, Berlin!

Ich bin jetzt kein Berliner mehr. Seit August bin ich Hamburger. Und es fühlt sich immer noch seltsam an. Ich vermisse meine große, dreckige, unfreundliche Stadt so sehr.

Ende 2008 bin ich zum Studium nach Berlin gezogen. Sagen wir, 2009, denn der Umzug fand zwei Tage vor Silvester statt. Es war kalt, es war nass und wir waren alle erledigt, weil wir innerhalb von wenigen Tagen die gesamte Wohnung renoviert hatten. Aber ich hatte die tägliche Pendelei aus dem Elternhaus in der brandenburgischen Pampa so satt und habe mit einem Schulfreund eine WG gegründet. Danach bin ich noch oft umgezogen – eine Weile zurück zu meinen Eltern, dann ins Studierendenwohnheim, mit meinem (Ex-)Freund in die erste gemeinsame Wohnung, dann wieder ausgezogen in eine kleine Einzimmerwohnung. Ich lebte in Friedrichshain, Lichtenberg und Wedding.

Seestraße in Wedding
Seestraße in Wedding

Ja, manchmal wurde mir alles zu viel. Die Menschen, die Gerüche, der Lärm. Aber dann wiederum liebe ich diese Stadt. Irgendwo ist immer etwas los. Ich bin kein Party-Mensch, aber es reicht mir zu wissen, dass, wenn ich wollte, ich jederzeit losgehen könnte, um zu feiern. Oder Bier zu kaufen. Warum hat nicht jede Stadt Spätis? Und nein, liebe Hamburger, ein Laden, der auch Samstag bis 20 Uhr aufhat, ist kein Späti. Spätis sind immer für dich da, sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag. Mit Bier, gekühltem Ayram und der Notfall-Packung Toilettenpapier.

Charmanter Bahnhof Pankow-Heinersdorf
Charmanter Bahnhof Pankow-Heinersdorf

Wenn man wie ich auf dem Dorf aufwächst und die Nachbarn immer beobachten, kommentieren und urteilen, dann muss man Berlin einfach lieben. Es ist den Menschen dort so scheiß egal, wie man sich verhält oder kleidet. Berliner haben schon alles gesehen, nichts stört sie mehr. Ich denke, nicht alle würden mit dieser gleichgültigen Art klarkommen und wünschen sich eine Dorf- oder Kleinstadtidylle, aber ich genieße es, dass man mich in Ruhe lässt. Ich kannte keinen meiner Nachbarn mit Namen und bezweifle, dass sie meinen wussten. Klar, man nimmt mal ein Paket an, aber das war’s dann auch schon.

Sonnenuntergang am S- und U-Bahnhof Wedding
Sonnenuntergang am S- und U-Bahnhof Wedding

Natürlich leben in Berlin nicht nur Unbekannte, sondern auch der Großteil meiner Freunde und ein Teil meiner Familie. Wir haben viele Jahre die Bars, Konzertlocations und Parks unsicher gemacht. Aber wir sind auch erwachsener geworden, zusammen, aber auch jeder für sich. Die Zeiten, in denen wir in der Wikibar tranken, bis die Sonne auf ging, liegen schon länger zurück. Die meisten haben ihr Studium beendet, neue Ziele im Leben oder neue Partner. Ich dachte, ich würde sie am meisten vermissen, aber die Wahrheit ist: Das tue ich schon seit einer ganzen Weile. So fällt es mir leichter, sie zurückzulassen, denn wir sehen uns nicht mehr so häufig oder in der größeren Gruppe, wie es noch vor ein paar Jahren war. Aber das ist okay, denn ich weiß, im Zweifelsfall kann ich sie immer anrufen oder sogar bei ihnen vor der Tür stehen.

Bismarckstraße am Abend
Bismarckstraße am Abend

Ich bin jetzt also Hamburger. Ich lebe in einer schönen Wohnung mit einem wundervollen Mann zusammen. Aber trotzdem wird ein Teil von mir Berliner bleiben. So wie ich auch immer noch Brandenburger bin. Und Schleswig-Holsteiner.

Herbst im Treptower Park
Herbst im Treptower Park

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