Ein Bienenkorb und Pen & Paper? Wie passt das zusammen?

Mein erster Spielleiter, von dem ich viel über Pen & Paper an sich, aber auch über das Leiten einer Spielerunde gelernt habe, hat uns am Ende eines Abenteuers von einer Begebenheit erzählt, die ihm wiederum als Spieler widerfahren ist: Der Spieleleiter las die Beschreibung eines Schauplatzes vor. Die Gruppe befand sich im Wald, und besonders geschildert wurde ein Bienenkorb, der auf einer Lichtung stand. Da der Meister den Bienenkorb bei seiner Beschreibung so hervorgehoben hatte, nahmen seine Spieler an, der Korb hätte eine größere Bedeutung für das Abenteuer. So versuchten sie stundenlang, sein vermeintliches Geheimnis zu entschlüsseln. Im Endeffekt war der Bienenkorb aber nur schmückendes Beiwerk, das die Spieler von der Story ablenkte. Seitdem heißen diese Elemente, die die Aufmerksamkeit der Spieler auf sich ziehen, aber kein Geheimnis bergen, in unseren Rollenspielgruppen »Bienenkorb«. Sätze wie »Da habt ihr euch wieder stundenlang mit einem Bienenkorb beschäftigt« oder »Hier habe ich einen Bienenkorb für euch eingebaut und ihr seid drauf reingefallen« sind bei uns zum geflügelten Wort geworden.

Welche Funktion hat ein »Bienenkorb« im Pen & Paper?

Es kommt natürlich immer drauf an, wie Pen & Paper in einer Runde gespielt wird. Einige sind kampflastiger, in meiner Runde liegt der Fokus auf sozialer Interaktion und dem Lösen von Rätseln. Meine Beschreibungstexte von Orten oder Personen sind zum Teil eine halbe DIN A4 Seite lang, meist aber weniger. Das liegt zum einen daran, dass bei längeren Ausführungen die Aufmerksamkeit der Spieler abnimmt, und man einzelne Zeilen mehrfach vortragen muss, zum anderen nimmt es den Spielern die Entscheidung ab, welche Orte sie näher untersuchen wollen.

Ein alter Schreibttisch mit allerhand Krimskrams
Die Spieler können alles auf dem Schreibtisch selbstständig untersuchen.

Wenn die Spieler in einen neuen Raum eintreten, erhalten sie Informationen darüber, aber schon hier kann ihre Aufmerksamkeit auf eine bestimmte Sache gelenkt werden. »Ihr betretet einen Raum. Dort seht ihr ein Bücherregal, ein Bild an der Wand und einen Tisch. Auf dem Tisch findet ihr einen Brief, der in aller Eile geschrieben worden zu sein scheint.« Mit dieser Beschreibung nehme ich aber den Spielern die Entscheidung, was sie tun wollen: Widmen sie sich zuerst dem Bücherregal, dem Bild oder dem Tisch?  Jeder Spieler wird sich nun auf den Brief stürzen, denn er scheint das wichtigste Element der Szene zu sein. Es gibt keine Befriedigung beim Spieler, einen Teil des Rätsels selbst gelöst zu haben, indem er sich für den Tisch entschied, sondern der Spieler mit der höchsten Initiative gelangt als erster an den Brief. Es ist eher so, als wenn in einem Point & Click Adventure ein Gegenstand aufleuchtet, weil man mit der Maus drüberfährt. Ah, der wird wohl wichtig sein.
Wenn der Brief nun aber ein »Bienenkorb« ist, vielleicht nur eine schnell notierte Einkaufsliste, dann sieht es wieder anders aus. Die Spieler rätseln über die geheimnisvolle Notiz »sechs Eier, zwei Liter Milch und eine Zunge einer Schlange«, suchen die Zutaten, Rezepte dazu oder stecken den Zettel ein. Aber eigentlich dient er nur dazu, vom versteckten Schalter im Bücherregal abzulenken. Dass noch ein Regal in dem Raum ist, haben einige Spieler an der Stelle bereits verdrängt.

Wie bei allem gilt: auch mit dem »Bienenkorb« Maß halten

Manchmal plant der Spieleleiter überhaupt nicht, dass sich seine Spieler so lange mit einem Hinweis beschäftigen. Nicht jeden Bienenkorb hat er bewusst eingebaut. Manche Spieler reagieren auch auf improvisierte Beschreibungen und Kleinigkeiten und untersuchen sie bis ins kleinste Detail. Aber nicht jedes Wandbild hat eine tiefere Bedeutung, gelegentlich sind sie einfach nur atmosphärische Dekoration.
Ist der Einsatz von »Bienenkörben« nun sinnvoll oder nicht? Ich denke schon. Spieler müssen auf falsche Fährten geführt werden und nicht alle Geheimnisse und Motive in mundgerechten Häppchen serviert bekommen. Wenn der Spieleleiter drei Gegenstände an den Ort stellt, aber nur einer relevant ist, ist das durchaus legitim und wünschenswert. Wenn die Spieler nun einen umfangreichen Raum wie ein Alchemielabor untersuchen, aber nichts Brauchbares finden oder keinen Gegenstand für den eigenen Beutel abgreifen können, ist es frustrierend. Wendet der Spieleleiter den Trick zu oft an, werden seine Spieler nicht mehr bereit sein, an die von ihm ausgelegten Köder anzubeißen – zu oft führten sie bisher ins Leere und sie stürmen durch die Räume, ohne sich auch nur umzusehen.

Titelbild: Pixabay, Openthedoor, CC0.

Beitragsbild: Pixabay, 61015, CC0.

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2 Kommentare

  1. Fine
    19. Juni 2017
    Antworten

    Haha, Ich – Mitglied der benannten Rollenspielrunde – dachte immer, Bienenkorb sei ein Fachbegriff dafür, den man in der Rollenspiel-Mundart so verwendet! xD Naja, bin eben in unseren Runden aufgewachsen. =D
    Schöner Beitrag! Ich stimme uneingeschränkt zu, ein gutes Pen&Paper braucht Bienenkörbe, auch wenn sie im Nachhinein für uns Spieler manchmal ärgerlich sind. Und meist sind sie ja doch nützlich, wenn schon nicht für die Story, dann aber für das Ausspielen des Charakters, die Gruppeninteraktion, kleine versteckte Witze,…

    • trolldottir
      12. Juli 2017
      Antworten

      Nein, eigentlich ist der bekanntere Begriff „Red Herring“ oder auch mal Nebelkerze. Bienenkorb ist nur unsere Variante 😀

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