Smartphone: Ein Ärgernis im Rollenspiel?

In einer der letzten Runden tat ein neuer Spieler etwas, was in unseren Pen & Paper-Gruppe noch nie vorkam: Er griff offgame zu seinem Smartphone und googelte nach der Schreibweise römischer Zahlen, die wiederum Bestandteil eines Rätsels waren. Ich war so perplex, dass ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte. Für mich und anderen ein absolutes No-Go, da wir in unserer Runde versuchen, Charakter- und Spielerwissen zu trennen. Das ist gerade bei Rätseln nicht immer einfach, vor allem, da sich meine Rätsel an alle der Gruppe richten sollen und nicht nur an die Charaktere, die laut Bogen schlau genug dafür wären. Hier diskutieren also alle Spieler gemeinsam über die Lösung und fallen aus ihren Rollen. Aber die Nutzung des Smartphones geht eben weit darüber hinaus, oder im schlimmsten Fall findet er das oder ein abgewandeltes Rätsel bereits online.

Pen & Paper und Smartphone, geht das gut aus?

Ich habe die Problematik nach dem Abenteuer angesprochen und geklärt, dass so ein Einsatz von Smartphones nicht gestattet ist. Aber jetzt stand ich als Spielleiter vor einem Problem für die folgenden Runden: Wie kann ich denn Smartphones in eine Rollenspielrunde integrieren? Denn in einem modernen (wir spielen nWoD) Setting oder einem Zukunftsszenario sind Smartphones nun mal Bestandteil der Welt. Wenn ein Spieler also Erfahrung oder Geld in ein Gerät investiert, dann muss er auch die Möglichkeit haben, es benutzen zu können. Der Charakter kann mit einem Handy theoretisch immer seinen Auftraggeber erreichen oder die getrennte Gruppe beieinander halten und damit moralischen Konflikten entgehen. Mit einem Smartphone hat er Zugriff auf das Internet; das reicht von einer einfachen Abfrage für den Fahrplan oder einer Adresse bis zum Übersetzen von Texten. Als Spieleleiter tritt man dem Spieler mit den Klassikern entgegen: der Akku ist leer, das Telefon hat keinen Empfang, wenn die Gruppe unterirdisch unterwegs ist oder auf dem Land, der Gesprächspartner ist einfach nicht erreichbar oder nur seine Mailbox, … Auf Dauer sind diese »Lösungen« aber für den Spieler zu deprimierend. Sein teuer erkauftes Smartphone ist nutzlos.

Smartphones lösen Rätsel nicht automatisch

Ich versuche nun bewusst, Smartphones und deren Möglichkeiten in meine Rätsel miteinzubeziehen und denke, das funktioniert ganz gut. Mein Ansatz ist, dass die Spieler selbst natürlich ihre Smartphones nicht verwenden dürfen, aber beschreiben, wie die Charaktere ihre benutzen. Dann gebe ich ihnen alle nötigen und einige unnötige Infos, die sie finden. Hier kann auch eine Ermittlungen-/Recherche-/Nachforschungen-Probe abgelegt werden, denn im Internet steht bekanntlich nicht nur Hilfreiches. Im Grunde unterscheidet es sich nicht durch eine Recherche in einer Bibliothek. Um bei der Übersetzungs-Problematik zu bleiben: Die Spieler finden einen Text in einer ihnen unbekannten Sprache. Was würden sie ohne Smartphone tun? In Büchern nachschlagen oder einen Kontakt befragen. Das sind keine anspruchsvollen Inhalte, die man ausspielen muss, vielleicht wird eine Probe abgelegt, aber im Grunde verlängern diese Aktionen die Pen & Paper-Runde nur unnötig. Das Rätsel ist es nicht, einen Text zu übersetzen, sondern den Hinweis in der Übersetzung zu finden und zu lösen. Die Fremdsprache dient nur der Atmosphäre (»der Geheimbund verfasst alles auf Latein«) oder für Spannungen innerhalb der Gruppe (»ich kann es übersetzen, aber wie viel davon teile ich meinen Mitspielern mit?«).

Ich habe noch ein konkreteres Beispiel aus meiner Rollenspielrunde: Ich habe eine Nachricht in einem Morsecode in einem Bild versteckt. Das ist keine Idee von mir, sondern nennt sich Semagramm (hier gibt’s einige Beispiele dazu). Ich kann nicht davon ausgehen, dass meine Spieler oder deren Charaktere den Morsecode auswendig kennen. Sie brauchen also Zugang zu einer Tabelle, die ihnen die Übersetzung ermöglicht. Wenn ich nun aber das Buch »Morsecode für Dummies« in das Bücherregal oder auf den Schreibtisch lege, wissen die Spieler sofort, dass das gefundene Bild etwas mit den Morsezeichen zu tun hat. Es ist aber wunderbar zu sehen, wie sie sich über das Bild beugen und zur Lösung nichts anderes zur Hand haben als eben dieses Bild. Das Rätsel besteht daraus, zu erkennen, warum einige Striche anders angeordnet sind und wie man sie entschlüsseln kann, nicht darin, die Zeichen mit Hilfe einer Tabelle zu transkribieren. Sobald einer der Spieler erkennt, dass es sich bei den Strichen um einen Code handelt, kann er seinen Charakter zum Smartphone greifen lassen und »Morsecode« googlen. Dann erhält er von mir eine ausgedruckte Tabelle oder ein Tablet mit passender Datei.

Die Striche im oberen Teil des Tempels stellen eine Nachricht im Morse-Code dar.
Die Striche im oberen Teil des Tempels stellen eine Nachricht im Morsecode dar.

Smartphones helfen nicht nur der Gruppe

Aber Smartphones bestehen zum Glück aus so viel mehr als ihrem Internetzugang. Die ständige Erreichbarkeit kann sich auch für den Spielleiter als Vorteil erweisen. Sollten die Spieler einmal feststecken, kann er auch die Initiative übernehmen und den Charakter anrufen, um ihn auf die richtige Fährte zu führen. Der Charakter kann Fotos als Beweise schießen, oder auf fremden Telefonen Nachrichten als Beweise für einen Komplott finden, sich Notizen machen oder neue Kontaktpersonen oder wichtige NPCs in sein Adressbuch übernehmen.
Ein Smartphone kann auch benutzt werden, um falsche Hinweise zu geben oder die richtigen tiefer zu vergraben. Im letzten Abenteuer fand sich ein wichtiger Hinweis erst auf Seite Zwei der Google-Suche. Unnötig zu sagen, dass er nicht gefunden wurde …
So hilfreich das Smartphone für den Charakter ist, es sollte nicht vergessen werden, dass diese ebenso von Feinden geortet, abgehört oder gestohlen werden können. Mit allen gesammelten Hinweisen und Nachrichten darauf.

Fazit

Ich denke, ein Smartphone für Charaktere im Pen & Paper ist ein wirklich mächtiges Werkzeug. Jeder Spielleiter sollte sich im Vorfeld gut überlegen, ob er es zulässt oder seinen Spielern verbietet, sich mit Smartphones auszustatten. Er kann sie in seinen Funktionen einschränken und kontrollieren und muss dafür sorgen, dass beim Gebrauch des Smartphones sich die Vor- und Nachteile die Waage halten. Ich bin immer noch dabei, mich daran heranzutasten, wie man am sinnvollsten Smartphones in die Abenteuer integriert. Ich denke aber, dass sie in einem modernen Setting eine sinnvolle und realistische Erweiterung darstellen können. Habt ihr weitere Tipps für mich? Oder wie handhabt ihr das in euren Pen & Paper-Runden?

Bildnachweis:

Header: pixabay.com, helloolly, CC0

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6 Kommentare

  1. 7. April 2017
    Antworten

    Schöner Beitrag. 🙂

    (kommt ins Bratphoenchen of the Week)

    • trolldottir
      7. April 2017
      Antworten

      Vielen lieben Dank 🙂

  2. […] Smartphone: Ein Ärgernis im Rollenspiel? In ihrem Artikel versucht Trolldottir aus dem Ärgernis:Handy etwas Gutes zu gewinnen und gibt schöne Tipps, wie man es in das Rollenspiel integrieren kann. „In einer der letzten Runden tat ein neuer Spieler etwas, was in unseren Pen & Paper-Gruppe noch nie vorkam: Er griff offgame zu seinem Smartphone und googelte nach der Schreibweise römischer Zahlen, die wiederum Bestandteil eines Rätsels waren. Ich war so perplex, dass ich nicht wusste, wie ich darauf reagieren sollte.„ […]

    • trolldottir
      10. April 2017
      Antworten

      Danke für den Tipp. Cthulhu habe ich so gar nicht auf dem Schirm, mal sehen, ob ich den Artikel irgendwo finde.

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