10 Tipps für die Erstellung deines Pen & Paper Charakters

Nach einer etwa einjährigen Spielpause wird es Zeit, sich endlich wieder auf ein Pen & Paper Rollenspiel vorzubereiten. Und dieses Mal versuche ich mich als Spieleleiter! Dafür muss ich eine Menge NPCs erstellen, wie mir nach und nach aufgeht. Zum Glück ist das kein Problem für mich, denn ich liebe es, mir neue Charaktere auszudenken. Dabei sind die Werte zweitrangig – die Geschichte, das Auftreten, die Motive, all das muss stimmig sein. Story beats Rule. Ich habe hier die wichtigsten Aspekte aufgeschrieben, die ich versuche, bei der Erstellung zu beachten. Unsere Runde wird wieder im World of Darkness Universum spielen, in dem das Erleben des persönlichen Horrors im Vordergrund steht, und weniger die Kämpfe. Aber auch in kampflastigeren Rollenspielen macht es mir mehr Spaß, mit einem ausgefeilten Charakter auf die Reise zu gehen und so lassen sich die Tipps problemlos auf andere Systeme übertragen.

1. Auch im Spiel musst du nicht perfekt sein
Ganz im Gegenteil – Pen & Paper, so wie es in unseren Gruppen gespielt wird, versucht meist, den Charakter und seine Entscheidungen in den Vordergrund zu rücken. Der wichtigste Grundsatz ist es, dass du einen Charakter zu entwirfst, der nicht unfehlbar ist und menschlich handelt (Firnelfen mal ausgenommen). Vermeide es also, eine Mary Sue oder einen Marty Stu zu erschaffen. Du brauchst keine strahlende Schönheit, die alle Fähigkeiten auf dem Charakterbogen auf dem höchsten Wert hat oder den stillen Einzelgänger, der niemals Hilfe von Anderen annimmt. Die Wahl solcher Persönlichkeiten mindert nicht nur deinen Spielspaß, sondern behindert auch die Gruppe. Um eine individuelle Person zu erschaffen, habe ich diese Regeln zusammengefasst, die ich alle oder zum Teil befolge, um meine Charaktere zu kreieren.

2. Übernimm einen Teil deiner Persönlichkeit für deinen Charakter
Du sollst natürlich in einem Rollenspiel nicht dich selbst spielen, aber es fällt dir leichter, in deine Rolle zu schlüpfen, wenn der Charakter dir näher ist. Such dir etwas aus, was dir wirklich gefällt und mit dem du dich identifizieren kannst. Es kann sowas sein wie dein Traumberuf, ein Charakterzug wie Schüchternheit oder auch nur eine Kleinigkeit wie ein Kleidungsstück oder ein Hobby.

Bozena "Enna" Lischka, ein NPC, der meiner Gruppe zur Seite gestellt wird
Bozena „Enna“ Lischka, ein NPC, der meiner Gruppe zur Seite gestellt wird

3. Und nun: Nimm einen anderen Teil, der komplett das Gegenteil von dir ist
Ich fand es immer anspruchsvoller, sich mit einem Part des Charakters auseinanderzusetzen, der einem genau gegensätzlich ist. Mein DSA-Charakter ist zum Beispiel Raucher – etwas, was mir nicht ferner liegen könnte. Auch hier gilt: Man sollte es nicht übertreiben, denn sonst gelingt es unter Umständen nicht mehr, in die Rolle zu schlüpfen und sie entwickelt sich in eine Richtung, die man bei der Erstellung nicht beabsichtigt hat.

4. Für den Extra-Kick Gegenteil: Wechsle dein Geschlecht
Wenn du als Spieler einen weiblichen Charakter wählst oder umgekehrt, verlangt es nicht nur die höchste Konzentration ab, sondern auch deinem Spieleleiter und deinen Mitspielern. Trotzdem kann es wirklich interessant sein, zu erleben, wie die anderen Spieler und NPCs auf dein neues Geschlecht reagieren. In gewisser Weise gilt das auch für Rassen, die man in verschiedenen Systeemen wählen kann: die weltfremden Firnelfen in DSA oder die sozial ausgegrenzten Orks in Shadowrun. Du kannst natürlich auch beides kombinieren. Wenn du es dir nicht zutraust, dann beginne vielleicht mit der sexuellen Ausrichtung, die ebenfalls eine gewisse Varianz bietet.

5. Erstelle zuerst den menschlichen Lebenslauf
Beim Spielen von mehreren Charakteren in unterschiedlichen Systemen solltest du für den eigenen Spaß am Spiel auch verschiedene Persönlichkeiten verkörpern. Sicher geht es über Konzepte wie »rücksichtsloser Assassine«, »stiller Einzelkämpfer« oder »eingebildeter Schauspieler«, die eine grobe Richtung vorgeben können, mir aber meist zu wenig bieten. Dann finde ich es hilfreich, erst den Lebenslauf eines (normalen) Menschen zu erstellen: das Leben vor dem Kuss (Vampire: The Requiem), vor der Verwandlung in ein Metawesen (Shadowrun) oder auch die Zeit vor dem Aufbruch als Abenteurer (DSA). Meist ist es stimmiger, einen Charakter zu entwerfen, der in eine neue Situation geworfen wird wie zum Beispiel die überraschende Metamorphose in einen Blutsauger, als bewusst einen Charakter schon als Vampir zu planen. Das gilt natürlich in erster Linie für Spielerunden, die beim Urschleim mit einer frischen Gruppe anfangen, aber wenn man Wert auf einen ausgefeilten (älteren) Charakter legt, gehört der Lebenslauf auf jeden Fall dazu.

Arbeit am Charakterbogen
Arbeit am Charakterbogen

6. Mache dir Gedanken um deine Familie
Die meisten Spieler – und ich bin da keine Ausnahme – finden es einfacher, wenn der eigene Charakter keine Familie hat, keine Freunde, nichts, was ihn in seinem alten Leben hält. Aber das ist in vielen Fällen unrealistisch, auch wenn es weniger Arbeit bedeutet. Der Spieleleiter hat die Möglichkeit, Bezugspersonen aus dem vorherigem Leben wieder einzubauen, eine Sache, die einige Spieler durchaus beunruhigen kann. Eine weitere Möglichkeit ist es, wenn du dich mit einem Mitspieler absprichst und eine gemeinsame Vergangenheit gestaltet. In Shadowrun spielte mein Bruder deshalb einfach mal meinen Bruder.

7. Verleihe deinem Charakter »Das besondere Etwas«
Wenn du für deinen Charakter eine oder zwei Besonderheiten auswählst, kann es dir helfen, zu wissen, wie er in bestimmten Situationen reagiert. Wenn er ein Whisky-Kenner ist, dann wird er an keiner Bar vorbeikommen, ohne sich einen zu bestellen. Es ist auch hilfreich, sich eine Geste oder ein paar Sprüche bereitzulegen und sie regelmäßig zu verwenden. Dazu zählen aber auch Nachteile, die auch spieltechnisch relevant sein können, wie ein lispelnder Charakter oder eine Sucht. Meine DSA-Zahori hat eine leichte Abhängigkeit von einem Kraut, dass ihr wiederum beim Empfangen ihrer Visionen half.

Gestatten, Masha Fuxfell, Phex-Geweihte

8. Mache dir ein Bild von deinem Charakter
Und das meine ich jetzt wörtlich. Male oder skizziere, wie du dir deinen Rollenspiel-Charakter vorstellst. Im Spiel wirst du dich den Mitspielern beschreiben und dein Spielleiter wird auf die körperlichen Attribute eingehen, wenn dein Charakter besonders gut aussieht oder durch eine Narbe entstellt wird. Es kann hilfreich sein, als Erinnerung immer ein Portrait vor sich liegen zu haben. Wenn du nicht malen kannst, dann kannst du auch einfach auf ein Stock-Foto zurückgreifen. Das Internet ist voll mit Bildern, nicht nur von Katzen.

9. Überlege dir einen Stil und stelle die Ausrüstung zusammen
Zum Aussehen gehören natürlich auch die Kleidung – und dort auch die Accessoires. Ja, okay, ich benutze meine Charaktere als Modepuppen (so geht’s mir auch in MMORPGs) und möchte auch, dass sie stimmig erscheinen. Außerdem kann es ziemlich nützlich sein, seinen Charakter mit möglichst vielen Taschen auszustatten … Mit etwas Fantasie lassen sich auch scheinbar unbedeutende Schmuckstücke wiederverwerten: Eine Silberkette verrät einen Werwolf, Modeschmuck wird dank übersinnlicher Überzeugungskraft ein Zahlungsmittel, Schnürsenkel oder Gürtel können zum Fesseln benutzt werden. Übertreibe es nicht und bedenke, dass Gegenstände wie ein teurer Laptop oder ein Pferd bei der Erschaffung in den meisten Systemen als außergewöhnlicher Besitz gilt und mit Erfahrungspunkten bezahlt werden muss. Wenn du einen besonderen Ausrüstungsgegenstand haben willst, wie eine bestimmte Waffe, sprich mit deinem Spieleleiter, denn er kann auch dein Freund sein und dein Wunschitem als Questbelohnung einbauen. Hierbei sollte es natürlich in erster Linie um die Optik gehen, nicht um die Werte. »Ich würde gerne ein schwarz-rotes Katana finden, das zu meinen Schuhen passt« vs. »Ich brauche einen dämonentötenden Wundersäbel«

Von allen getesteten Systemen ist mir die World of Darkness am liebsten
Von allen getesteten Systemen ist mir die World of Darkness am liebsten

10. Baue zum eigenen Vergnügen geheime Bedeutungen in deinen Charakter ein
Dieser Punkt widerspricht etwas den Anderen, denn hier geht es nicht darum, eine möglichst realistische Figur zu erschaffen, sondern dafür zu sorgen, dass ich eine Kleinigkeit habe, über die ich mich insgeheim freuen kann. Der Geburtstag meiner Werwölfin liegt in der Mondphase des Neumonds, da ihr Vorzeichen Irakka ( bedeutet Neumond) ist. Spieltechnisch ist das Datum nicht relevant. Bei Namen bediene ich mich gerne bei verschiedenen Mythologien oder fremden Sprachen. Meine neue tschechische Vampirin heißt »Bozena«, was sich (danke, Google!) mit »Jene, die Gott gehört« übersetzen lässt. Eine etwas grausame Wahl, da sie durch eine Vinculum (eine Art erzwungener Blutbund) an den Bischof von Prag gebunden ist. Es ist auch ein Mittel, dass man, wie alle anderen hier, sparsam einsetzen und nicht zu offensichtlich gestalten sollte. Ich finde es aber reizvoll, was die Spieler über einen Charakter erfahren könnten, wenn sie nur die richtigen Fragen stellen würden.

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